Berufliche Alters-, Hinterlassenen- und Invalidenvorsorge (BVG)

Zweck

Im 3-Säulen-Konzept der Bundesverfassung (Art. 111) stellt die Berufliche Alters-, Hinterlassenen- und Invalidenvorsorge (BVG) die 2. Säule dar.

Die Berufliche Vorsorge ist grundsätzlich eine obligatorische Versicherung für Arbeitnehmende. Das Gesetz kann Ausnahmen von der Versicherungspflicht vorsehen. Selbständigerwerbende können sich freiwillig versichern. Das BVG kommt mit seinen Leistungen für die Folgen von Invalidität, Tod und Alter auf und sichert zusammen mit den Leistungen der 1. Säule (AHV bzw. der IV) die Fortsetzung der gewohnten Lebenshaltung in angemessener Weise.

Geschichtliche Daten

Die Vorläufer der heutigen Vorsorgeeinrichtungen gehen auf das Ende des 19. Jahrhunderts zurück. Anfangs des 20. Jahrhunderts wurden im Fabrikgesetz erste Bestimmungen über die berufliche Vorsorge aufgenommen und 1925 in der Bundesverfassung verankert. Es sollte fast fünfzig Jahre dauern, bis der Verfassungsauftrag im Jahre 1972 mit dem 3-Säulen-Konzept umgesetzt wurde. Danach trat am 1. Januar 1985 das BVG in Kraft. Es wurde 1987 mit dem freiwilligen Vorsorgesparen in der 3. Säule ergänzt. Auf das Jahr 1995 wurde mit dem Freizügigkeitsgesetz die volle Weitergabe der Sparguthaben an die neue Vorsorgeeinrichtung bei Stellenwechsel eingeführt und auf das Jahr 2005 erfolgte die erste Totalrevision des BVG.

Das BVG wurde als Rahmengesetz konzipiert, das Minimalvorschriften festhält. Im Übrigen sind die Vorsorgeeinrichtungen frei, wie sie ihre Finanzierung und Leistungen ausgestalten.

Statistische Angaben

In der 2. Säule sind in rund 2'000 Vorsorgeeinrichtungen etwa 3,7 Mio. Personen versichert und rund 1 Mio. Personen beziehen eine laufende Rente. Dazu kommen ca. 36'000 Bezüger von einmaligen Kapitalleistungen pro Jahr.

Rentenbezüger/innenTotal Renten-
bezüger
Bezüger von Kapitalleistungen
AltersrentenWitwen- und WitwerrentenWaisen und KinderrentenInvaliden-
renten
Andere Renten
2000413'080150'04454'271102'50428'225748'12431'164
2001-----785'000-
2002437'304154'60463'829117'83529'492803'06428'308
2003-----830'000-
2004473'570160'99771'014131'70410'032847'31733'606
2005488'218163'63474'051133'37112'008871'28228'143
2006507'256166'10472'019134'80415'843896'02633'892
2007528'866168'51069'861134'6203'503905'36036'394
2008553'378171'38370'191134'2172'917932'08640'285
2009577'165174'01669'746133'8951'743956'56542'156
2010599'856177'31168'631133'1631'202980'16336'225


Quelle: Bundesamt für Sozialversicherungen

Organisation

Der Arbeitgeber, der obligatorisch zu versichernde Arbeitnehmer beschäftigt, muss eine in das Register für die berufliche Vorsorge eingetragene Vorsorgeeinrichtung errichten oder sich einer solchen anschliessen.

Verfügt der Arbeitgeber nicht bereits über eine eigene Vorsorgeeinrichtung, so wählt er eine solche im Einverständnis mit seinem Personal. Zurzeit gibt es noch rund 2'000 registrierte Vorsorgeeinrichtungen, die das BVG erfüllen.

Im obersten Organ einer Vorsorgeeinrichtung nehmen gleich viele Arbeitnehmer- wie Arbeitgebervertreter Einsitz.

Schnittstellen

Die AHV spielt eine wichtige Rolle in der Beruflichen Vorsorge. Sei es beim Grundsatz, dass dem BVG nur unterstellt ist, wer in der AHV versichert ist, oder beim massgebenden Lohn, bei welchem das BVG ebenfalls grundsätzlich auf den AHV-Lohn abstellt (abzüglich eines Koordinationsbetrags). Auch das Rücktrittsalter ist identisch mit demjenigen in der AHV. Die Organe der AHV kontrollieren, ob der Arbeitgeber sein Personal ordnungsgemäss bei einer Vorsorgeeinrichtung versichert hat.

Im Bereich der Invaliditätsleistungen hat der Rentenentscheid der eidgenössischen Invalidenversicherung grundsätzlich bindende Wirkung für die Vorsorgeeinrichtung. Das heisst, die Pensionskassen stützen sich bei der Ausrichtung ihrer BVG-Invalidenrente sowohl bezüglich Eintrittszeitpunkt wie auch dem Mass der Invalidität auf die Abklärungen und den Entscheid der IV. Die Berufliche Vorsorge koordiniert ihre Leistungen bei Invalidität, deren Ursache ein Unfall ist, oder der bei einer Dienstleistung im Militär passiert ist mit der Unfallversicherung und/oder der Militärversicherung.

Wer ist versichert?

Die berufliche Vorsorge ist für Arbeitnehmende obligatorisch. Selbstständigerwerbende können sich freiwillig bei einer Vorsorgeeinrichtung versichern.

Dem BVG-Obligatorium unterstellt sind Personen mit arbeitsvertraglicher Anstellung, welche

  • bei der AHV/IV versichert sind,
  • das 17. Altersjahr vollendet haben (ab Alter 25 erfolgt auch die Sparversicherung für das Alter),
  • einen Jahreslohn über dem Mindestlohn beziehen (2013/14: CHF 21'060),
  • eine unbefristete oder auf länger als drei Monate befristete Anstellung eingegangen sind,
  • die Anstellung nicht nur nebenberuflich ausüben und im Hauptberuf versichert sind,
  • zu weniger als 70% invalid sind und
  • das Pensionierungsalter (64/65) noch nicht erreicht haben.

Bezüger von Taggeldern der Arbeitslosenversicherung sind für die Risiken Tod und Invalidität obligatorisch versichert.

Arbeitnehmer, die voraussichtlich nicht dauernd in der Schweiz tätig sind und im Ausland genügend versichert sind, können bei der Vorsorgeeinrichtung ein Gesuch um Befreiung von der obligatorischen Versicherung stellen.

Beiträge und Finanzierung

Die Berufliche Vorsorge wird aus Beiträgen von Arbeitnehmern und Arbeitgebern und aus dem Ertrag der Kapitalanlagen (Rendite oder Zins) im Kapitaldeckungsverfahren finanziert. Die Arbeitgeber entrichten mindestens gleich viele Beiträge, wie die Arbeitnehmenden. Im Gegensatz zu den anderen Sozialversicherungen erhält die Berufliche Vorsorge keine Beiträge der öffentlichen Hand.

Folgende Beiträge sind möglich:

  • Sparbeiträge (abhängig vom Alter)
  • Risikobeiträge (Tod und Invalidität)
  • Beiträge für die Teuerung
  • Verwaltungskosten
  • Sanierungsbeiträge (bei Bedarf)
  • Beiträge für den Sicherheitsfonds BVG
  • Je nach Reglement noch weitere Beiträge

Die Beitragssätze (Spar- und Risikobeiträge) werden auf dem koordinierten Lohn in Prozenten erhoben. Sie variieren von einer Pensionskasse zur anderen, oftmals auch nach Alter der versicherten Person.

Finanzen der Beruflichen Vorsorge (in Millionen CHF)

20062007200820092010
Einnahmen Total52'42457'19358'67159'15561'680
Beiträge Versicherte und Arbeitgeber¹37'95742'45042'75443'84345'909
Kapitalertrag²14'24314'51215'73215'15615'603
Übrige Einnahmen223231186156168
Ausgaben Total35'24335'69537'48342'14843'642
Sozialleistungen³26'89528'40729'36130'45330'912
Verwaltungs- und Durchführungskosten1'7121'7681'7351'7081'720
Übrige Ausgaben46'6365'5196'3889'98611'010
Rechnungssaldo17'18121'49921'18817'00718'038
Veränderung des Kapitals40'50020'800-69'80059'50021'000
Kapital586'000606'800537'000596'500617'500


¹ Inkl. Einkaufsbeiträge der Arbeitnehmer und Arbeitgeber.
² Kapitalertrag ohne Kapitalwertänderungen.
³ Renten und Kapitalleistungen.
Austrittszahlungen netto, Nettozahlungen an Versicherungen sowie Passivzinsen.

Quelle für diese statistischen Daten: Bundesamt für Sozialversicherungen

Leistungen

Im Bereich der beruflichen Vorsorge sind drei Leistungsarten versichert. Einerseits Leistungen beim Erreichen des Rücktrittsalters (Altersrenten oder Kapital) und andererseits Leistungen beim Eintritt eines Versicherungsfalles durch Tod oder Invalidität vor dem Erreichen des Rücktrittsalters (Hinterlassenen- und Invalidenleistungen).

Das BVG schreibt für diese drei Bereiche Mindestleistungen vor. Die meisten Pensionskassen erbringen aber Leistungen über diesen Minimalvorgaben. Für die Bestimmung der konkret versicherten Leistungen ist aus diesem Grund immer auch das Reglement der Pensionskasse heranzuziehen.

Versicherte, welche die Vorsorgeeinrichtung verlassen bevor ein Vorsorgefall eintritt, haben Anspruch auf eine Austrittsleistung. Sofern der Arbeitnehmer eine neue Stelle und eine neue Pensionskasse hat, ist die Austrittsleistung auf diese neue Pensionskasse zu übertragen. Hat der Versicherte keinen neuen Arbeitgeber kann er die Austrittsleistung auf ein Freizügigkeitskonto bei einer Bank (maximal auf deren zwei Konti) oder auf eine Freizügigkeitspolice bei einer Versicherung überweisen lassen.

Versicherte können die Barauszahlung der Austrittsleistung verlangen, wenn

  • sie die Schweiz endgültig verlassen und nicht in ein EU oder EFTA-Land ziehen
  • sie eine selbständige Erwerbstätigkeit aufnehmen
  • die Austrittsleistung kleiner ist als ihr Jahresbeitrag (Geringfügigkeit)

Die versicherte Person kann bis drei Jahre vor Entstehung des Anspruchs auf Altersleistungen von seiner Vorsorgeeinrichtung einen Betrag für Wohneigentum zum eigenen Bedarf geltend machen. Gemäss Art. 122 ZGB hat jeder Ehegatte (bzw. eingetragener Partner) Anspruch auf die Hälfte der nach dem Freizügigkeitsgesetz für die Ehedauer zu ermittelnde Austrittsleistung des Ehegatten. Stehen den Ehegatten gegenseitig Ansprüche zu, so ist nur der Differenzbetrag zu teilen.

Aktuell

Auf den 1. Januar 2013 werden die Grenzbeträge in der beruflichen Vorsorge angepasst, da die AHV-Renten erhöht wurden. Der Bundesrat hat den Mindestzins für das Jahr 2013 bei 1,5% belassen.

In Vernehmlassung sind zwei Gesetzesänderungen: Die eine bezieht sich auf die Berechnung der Freizügigkeitsleistung bei Austritt für Versicherte, welche die Strategie zur Anlage ihres Vorsorgeguthabens selbst wählen. Bei der anderen geht es darum, dass Inkassobehörden rechtzeitig auf das Vorsorgekapital von Alimentenschuldnern zurückgreifen können, wenn diese sich ihr Pensionskassenguthaben bar ausbezahlen lassen. 

Der Bundesrat hat unter dem Titel «Altersvorsorge 2020» Leitlinien für eine umfassende Reform der 1. und 2. Säule und damit für eine zukunftsfähige Altersvorsorge definiert. Damit verfolgt er einen gesamtheitlichen Ansatz und stellt das Bedürfnis der Menschen nach nachhaltig finanzierten Renten auf heutigem Niveau ins Zentrum.

Revisionen

Seit ihrer Einführung im Jahr 1985 wurde die Berufliche Vorsorge verschiedentlich angepasst und einmal revidiert.

Verschiedene Gesetzesänderungen sind in den Folgejahren durchgeführt worden, wobei speziell auf die Einführung des Freizügigkeitsgesetzes und die Massnahmen zur Förderung des Wohneigentums verwiesen wird (Inkrafttreten per 1. Januar 1995). Grosse Auswirkungen haben auch die Änderungen des Scheidungsrechts im ZGB gehabt. Das BVG wurde bisher einmal revidiert.

Die 1. BVG-Revision trat etappenweise in Kraft:

1. Teil:1. April 2004Rechnungslegung und Transparenzvorschriften 
2. Teil:1. Januar 2005Zahlreiche Änderungen im Leistungs- und Durchführungsbereich 
3. Teil:1. Januar 2006Einkauf und steuerliche Behandlung

 

Ein weiterer Meilenstein stellt die sogenannte «Strukturreform» in der beruflichen Vorsorge dar. Sie trat ebenfalls gestaffelt in Kraft:

1. Teil: 1. Januar 2011Bestimmungen für ältere Arbeitnehmende, wie z.B. die Weiterversicherung bis zum 70. Altersjahr oder die Möglichkeit der Reduktion des Beschäftigungsgrades und der Weiterversicherung des vollen Verdienstes. 
2. Teil: 1. August 2011Bestimmungen zur Stärkung der Governance und der Transparenz 
3. Teil:1. Januar 2012Neuordnung der Aufsicht und verschärfte Bestimmungen zur Governance und Transparenz in der Führung und Vermögensverwaltung von Vorsorgeeinrichtungen

FAQ

Wo bekomme ich allgemeine Informationen zur Beruflichen Vorsorge?
Auf der Website des Bundesamtes für Sozialversicherungen unter der Rubrik Berufliche Vorsorge und 3. Säule: www.bsv.admin.ch.

Erläuterungen und Tipps finden sich auf der Seite des ASIP unter:
www.mit-uns-fuer-uns.ch

Wo bekomme ich Informationen für mein Anliegen?
Sie können sich an Ihre Pensionskasse wenden. Oft weiss auch der Personaldienst Ihres Arbeitgebers gut Bescheid. In verschiedenen Städten finden einmal im Monat unentgeltliche BVG-Auskünfte statt: www.bvgauskuenfte.ch

Was muss man bei einem Stellenwechsel tun?
Ihre Freizügigkeitsleistung bei Austritt wird an die Vorsorgeeinrichtung (VE) des neuen Arbeitgebers überwiesen. Dazu müssen Sie der bisherigen VE diese Koordinaten mitteilen. Unterbleibt dies, geht Ihr Guthaben an die Stiftung Auffangeinrichtung www.aeis.ch.

Wer kann mir sagen, wo sich meine Pensionskassengelder befinden?
Wenn Sie nicht sicher sind, ob bei jedem Stellenwechsel Ihr Guthaben in die aktuelle Pensionskasse transferiert wurde, können sie sich bei der Zentralstelle 2. Säule erkundigen www.zentralstelle.ch.

Wie kann ich meine Leistungen verbessern?
Bei vielen Vorsorgeeinrichtungen können Sie Einkäufe oder Einmaleinlagen tätigen. Fragen Sie bei Ihrer VE nach oder konsultieren Sie Ihren Versicherungsausweis.

Welche Leistungen bekomme ich?
Konsultieren Sie Ihren Versicherungsausweis und schauen Sie ihm Vorsorgereglement nach. Ebenfalls erteilt Ihnen die Pensionskasse telefonisch oder schriftlich Auskunft.

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